Kaffeesatz
Vermutung, Spekulation, Spinntisiererei
Die heiligen drei Könige waren heute schon unterwegs. Aus ungeklärten Gründen. Vielleicht aber auch aus Ehrfurcht vor der morgigen Sonntagsruhe. Wer kann das wissen? Sie waren auch nicht – wie nach dem (prä-)historischen Titel zu vermuten – zu dritt, sondern gleich zu viert unterwegs. Aus therapeutischen Gründen einerseits und wegen der Wahrung der Geschlechtergerechtigkeit andererseits. Und sie waren denn auch vollkommenst paritätisch besetzt. Zudem befanden sie sich in Begleitung einer Genderbeauftragten. Nichts konnte schiefgehen und alles wird gut. Bestimmt.
Heute startet die Fußball Bundesliga in ihre fünfzigste und damit in eine echte Jubiläumssaison. Da findet Ihr mich während dieser Spielzeit virtuell in dem in der Überschrift angesprochenen Wirtshaus.
Der Berni (St. Burnster) hat ja bei Kicktipp schon seit längerer Zeit eine eigene Tippgemeinschaft eingerichtet und da mache ich diese Saison einfach mal mit. Auch wenn meine Müncher Löwen derzeit noch zweitklassig sind, Fussball in der ersten Liga ist ja trotzdem nie verkehrt
Ich glaub’ des wird eine Riesengaudi, immerhin sind momentan schon 102 Fußballnarrische dort angemeldet.
Heute Abend geht’s wieder los mit der Bundesliga und ich wünsche allen Fußballbegeisterten eine spannende Saison mit vielen schönen Toren. Denen, die dem Gekicke nichts abgewinnen können wünsche ich, dass sie einen Weg finden uns irgendwie auszuhalten
Der nachfolgende Text mag pessimistische Annahmen und recht theoretische Lösungen aufweisen, ich will aber absichtlich ein wenig polarisieren und vielleicht einige Leserinnen und Leser zum selbständigen Weiterdenken animieren…
Natürlich ist mir bewusst, dass es sowohl Firmen wie auch Individuen gibt, die ganz andere, schönere Anschauungen leben, leider sind das in meinen Augen viel zu wenige.
Wir regen uns auf über Banken, die mit den Kundeneinlagen wüst zocken und nur nach immer höheren Gewinnen geiern. Noch mehr ärgert man sich über den Tatbestand, dass an den Börsen der Schwanz mit dem Hund wedelt; ich meine damit den Sachverhalt, dass beim Handel mit Futures, Options und andern “schönen” Dingen wie Leerverkäufen unter dem Einsatz keiner oder nur geringer Mittel ganze Märkte manipuliert und zerstört werden, um der Zockerei nachzugehen. Wir regen uns auf über die Zerstörung von Lebensräumen, das Abholzen von Wäldern, über Dumpinglöhne und Produktionsverlagerungen, über Lobbyismus und Fraktionszwänge aus Machterhaltungsgründen. Wir regen uns noch über viel mehr auf, ich kann und will gar nicht alles aufzählen.
Wir wollen aber auch in Urlaub fliegen, es bequem haben mit der Bahn, nutzen jahrein und jahraus die Autobahnen, aber wehe wenn die neue Startbahn vor unserer Tür entsteht, wenn die neue Bahntrasse an unserem Viertel vorbeigeht, die Autobahn zwei Spuren mehr bekommen soll. Da sind wir auf den Barrikaden! Wenn die großen alten Eichen des Nachbarn im Herbst wieder so viel Laub abwerfen, das wir mühsam zusammenharken müssen, dann denken wir schon mal darüber nach, ob die Dinger nicht endlich einer fällen will. Windkraftwerke sind o.k. – solange sie nicht in unserer Nachbarschaft errichtet werden. Selbstverständlich jagen wir beim Autokauf oder anderen Investitionen dem günstigsten Schnäppchen hinterher und logisch ist auch, dass wir den billigsten Kredit brauchen, die höchsten Sparzinsen und natürlich stets tolle Qualität obendrein.
“Wasch’ mir den Pelz, aber mach’ mich nicht nass”, kann man als Motto darüberschreiben.
Das ist die banale Zusammenfassung unserer obersten Werte in der Gesellschaft, welche man auch mit Rendite, Effizienz und Reputation als Form der Macht umschreiben kann. Mit verschiedenen Bezeichnungen und Ausprägungen gelten diese Dinge heutzutage sowohl bei Konzernen, als auch beim einfachen Bürger erstrangig.
Qualität ist kein Wesensmerkmal per se mehr, sondern es wird gerade soviel dazu beigetragen, dass der beabsichtigte Wertschätzungseffekt eintritt und der kalkulierte Preis erzielt werden kann. Blendwerk geht so meist über ehrlicherweise “das Beste geben”. Eine Zukunft hat dies in meinen Augen nicht, ganz egal ob ein Konzern oder ein Individuum so verfährt. Ganz im Gegenteil, wir sind auf dem besten Wege als Gesellschaft an uns selbst zu zerbrechen und unsere Zukunftsfähigkeit zu verlieren, indem wir sie dem kurzfristigen Gewinn opfern und daran quasi ersticken.
Ein Heraustreten aus diesem verfehlten Werteschema ist indes gar nicht so leicht. Alles scheint untrennbar miteinander verwoben, die Vertreter von Wirtschaft, Medien und Politik tröten seit Jahrzehnten in dieses selbe bescheuerte Horn und all das was es anderswo zum Thema “Werte” aus Religion oder Ethik zu erfahren gibt, hat offensichtlich nichts gebracht außer “anständigem Benehmen” und ein paar diffusen Ängsten bei den weniger Belichteten.
Die Welt will nur noch harte Zahlen gelten lassen, dabei wird übersehen, dass die wertvollsten Dinge im Leben (Glück, Freundschaft, Gesundheit, Liebe, Freude, Friede etc…) nicht damit ausgedrückt werden können. Es gibt ja sogar Modelle wie “Balanced Scorecard”, die diese nicht eindeutig bezifferbaren Schätze in das Zahlenwerk zu integrieren suchen, aber schon der gewählte Name “weiche Faktoren” für diese wertvollsten Dinge lässt eher an Scheiße denken und im echten Leben spielen diese betriebswirtschaftlichen Integrationsversuche auch kaum eine Rolle.
Dabei ist genau das der Ansatzpunkt: Den rein materiellen Werten und dem einzig wirtschaftlich bedeutsamen immateriellen Wert der Macht eine neue Wertehierarchie gegenüberzustellen. Nicht im Sinne von Revolution, sondern von Evolution. Nicht im Wege staatlicher Verordnung, religiösen Wahns oder via institutionalisierte Bildung, sondern als neue Bürgerbewegung, die frei ist von diesen moralisch verbrauchten Mächten. Bildungsbürgertum “at its best” quasi, frei und unabhängig.
Die zu betrachtenden Begriffe brauchen ja nicht lange gesucht zu werden, erforderlich wäre vielmehr, dass ein lebender Prozess daraus wird, der sie und ihre Ausprägungen, also ihre Bedeutung, ihren Stellenwert und die praktische Anwendbarkeit im Alltag, stets im Auge behält und begleitet.
Die klassische Form der Morallehre aus der Religion hat ausgedient, weil sie versucht Ewigkeitswerke zu postulieren. Wer diese verteidigt, der landet im Mittelalter bzw. noch früher, wer sie nicht verteidigt gerät nach und nach in eine Welt der rein materiellen und machtzentrierten Ausprägung. Die Ethik hat es über ein paar Klassenzimmer und Philosophiehörsäle nicht hinausgeschafft. Dementsprechend liegt es auf der Hand, dass etwas Neues in die Welt kommen muss. Diesmal muss es wirklich allen gehören und versucht werden eine ständige Evolution der Werte im Gleichklang mit der Entwicklung der Menschheit zu etablieren.
Es ist ein kühner Gedanke, dessen bin ich mir durchaus bewusst, andererseits hat Pessimismus und Zaudern noch nie wirklich weitergeführt. Die Welt und was wir aus ihr derzeit machen, das Leben und das was die Masse daran derzeit wirklich wichtig und erstrebenswert findet, das ist in meinem Augen kurz vor dem Exitus, wobei “kurz” jetzt nicht im Maßstab der Medien gemeint ist, sondern im Maßstab des Lebens. Dennoch gibt es ja eine Verantwortung für die kommenden Generationen und die sollten wir wieder ernsthaft und mit langfristigem Horizont an- und wahrnehmen. Es gibt derzeit weit mehr zu verlieren als Renditen, Effizienz und Macht.
Das Ende des materialistischen Zeitalters, der Wachstumsökonomie und der Renditejagd steht bevor. Begleitet wird der Niedergang von typischen Krankheitssymptomen. Im Fall unserer Epoche beispielsweise von einem Abschaumtsunami aus Spielcasinos, mafiösen Sportwettenkonzernen und ruinösen Wettgeschäften an den Börsen, sogar auf Lebensmittel. Da braucht man weder Hellseher noch Esoterik, der gesunde Menschenverstand reicht vollkommen aus, um zu erkennen, dass wir den Rand des Grabens erreicht haben.
Niemand kann ahnen wann und wie genau so eine Zeitenwende abläuft, klar ist hingegen, dass damit radikale Umbrüche verbunden sind. Ob das nun in Kriege, Bürgerkriege oder ein ohnmächtiges, langsames Sterben mündet, wer sollte realistisch behaupten, man wisse was da kommen mag? Mit dieser Frage will ich mich auch nicht aufhalten, weil daran nichts zu ändern ist. Mich beschäftigt vielmehr die Frage, wie eine “Postwachstumsgesellschaft” aussehen könnte.
Wir bleiben ja durchaus unseren menschlichen Neigungen und Ansprüchen unterworfen, beispielsweise also der Sehnsucht nach Anerkennung. Wie wird ein befriedigender Erfolg in einer derartigen Gesellschaft einmal definiert sein? Wie wird er belohnt werden? Wie kann der Anreiz aussehen für eine Firma, die beispielsweise Waschmaschinen herstellt, die natürlich ein Leben lang halten, die natürlich reapiert werden und dabei servicefreundlich sind, die kein Wegwerfartikel sind und der Langlebigkeit huldigen?
Wie kann beispielsweise eine Entschleunigung des Alltags die materialistische Ausrichtung abschwächen? Kann sie das überhaupt? Mit welchen Mitteln?
Man kann hunderte solcher Fragen stellen und ich kann darüber launigst spekulieren, aber das führt zu gar nichts. Nein, am Ende dieser paar Sätze steht diesmal eine Frage: Gibt es unter den Leserinnen und Lesern dieses Artikels Kenntnisse über lohnenswerte Projekte, Stiftungen, Vereine, Institute, whatever, die sich ernsthaft und vor allem umfassend mit diesem Thema beschäftigen? Also mindestens aus soziologischer, psychologischer, ökonomischer, staatsrechtlicher und supranationaler bzw. postnationaler Hinsicht? Würde mich über den ein oder anderen Lese- oder Surftipp mächtig freuen! Danke
Si tacuisses, philosophus mansisses.
Wenn du geschwiegen hättest, wärest du ein Philosoph geblieben.
Wohl war – jedoch – mit dem Mayerschen Philosophendasein hat es mit dem nachfolgenden Artikel dann wohl ein Ende, ich muss dringend mal ein wenig “rumspinnen”…
Arbeiter stehlen Eisengeflechte aus einer Kölner U-Bahnbaustelle. Wanderarbeiter roden riesige Urwaldflächen in Südamerika. Vielerorts auf der Welt buddeln Menschen verzweifelt Löcher in die Erde, um ein paar Brösel Gold zu ergattern. Anleger und Banken veranstalten sinnlose Wetten auf Unternehmenszahlen. Nur ein paar wenige, bunt zusammengewürfelte Beispiele für die menschliche Jagd nach Geld.
Dabei ist Geld per se gar keine so schlechte Erfindung, solange es als Tausch- und Verrechnungsmittel für Waren und Dienstleistungen begriffen wird. Das war einmal der naive Gedanke, dass man das damit machen könnte. Dabei hat man aber nie bedacht oder vielleicht auch gar nicht wissen können, welch verheerendes Suchtpotential diesem bunt bedruckten Papier innewohnt. Dagegen sind Alkohol und Heroin wahre Apothekenartikel.
Durch eine andere menschliche Eigenschaft, nämlich die, sich in größeren Gemeinschaften, die einem bestimmten Zweck dienen, zusammenzuschließen ist die tödliche Macht des Geldes dann potenziert worden. Das waren anfänglich die Herrschaftshäuser, die ein Staatsgebiet und ein Staatsvolk für sich beanspruchten, sowie Glaubensgemeinschaften, die ihre Ideen vom irdischen Leben und dem nachfolgenden Dasein im Jenseits möglichst Vielen schmackhaft machen wollten.
Daran hat sich bis heute nichts geändert, nur sind noch zahlreiche, weitere Teilnehmer an diesem Spiel hinzugekommen. Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften, politische Parteien; sie alle möchten ihren Einfluss vergrößern, die Zahl ihrer Mitglieder erhöhen, Macht ausüben. Neben den jeweils vertretenen Dogmen ist es nur eine Kraft, die sie alle gemeinsam antreibt: Geld. Mit Geld kann man Mitglieder gewinnen, oder ihnen etwas versprechen bzw. zukommen lassen, Kampagnen finanzieren, um noch mehr auf sich aufmerksam zu machen, sich auf alle möglichen Arten Wachstum verschaffen.
Bislang habe ich hier nur Binsenweisheiten aufgeschrieben, nichts Neues, aber ich denke es ist ab und zu wichtig, dass man sich das Ganze soweit noch einmal vor Augen führt.
Diesen Gemeinschaften wohnen zwei besonders prägnante Wesensmerkmale inne. Zum Einen, das bereits erwähnte Streben nach Wachstum, zum Anderen das Bestreben ihre ganz speziellen Alleinstellungsmerkmale herauszuarbeiten und Menschen davon zu überzeugen, dass ihre Ideen die besten sind. Das ist also im weitesten Sinne Abgrenzung.
Nun birgt das Eigenschaftspaar Wachstum und Abgrenzung ein ganz besonderes Sprengpotential in sich und das ist die Unfähigkeit zur Erneuerung. Zwar werden ständig neue Statuten, Programme, Gesetze etc. erlassen, ja selbst die Kirchen probieren Wandel und Erneuerung. Das ist unter dem Strich aber nichts als heiße Luft, denn selbst wenn der propagierte Wandel noch so groß ausfällt, zwei Dinge ändern sich nie. Das Streben nach Wachstum und die Abgrenzung.
Damit weist keine dieser gesellschaftlichen “Gruppenmodelle” – egal wo in der Welt – eine wirkliche Zukunftsfähigkeit auf. Eine Ausnahme stellen hier unter günstigen Bedingungen nur die gemeinnützigen Organisationen dar. Sie unterliegen zwar auch Wachstum und Abgrenzung, betreiben dies aber im Idealfall wenigstens nicht zum Selbstzweck sondern zum Wohle Dritter.
Damit kann man festhalten, dass die heillos übertriebene Stellung des Geldes in der Welt ursprünglich nicht grundsätzlich dem Wahnsinn von gut 6 Milliarden Erdenbürgern als Individuen entsprungen ist, sondern zum großen Teil dem Bestreben der Menschen machtvolle Gruppen zu gründen und diese zu erhalten, zu vergrößern und sich damit von anderen Individuen und Gruppen abzugrenzen.
Nehmen wir einmal an – und es klingt schon absolut phantastisch so etwas anzunehmen – die Macht des Geldes würde dahingehend beschnitten, dass die Bewertung eines Unternehmenserfolges nicht mehr nur nach den bisherigen Bilanzkennzahlen erfolgen würde. Der Unternehmensgewinn, sofern er denn erzielt wird, würde nach bestimmten Regeln beschnitten, Abschöpfung, Boni und Dividenden gedeckelt, eine gewisse Pflicht Gewinne sofort teils zu reinvestieren, teils zu sozialisieren gesetzlich verankert. Daneben würden weitere Kennzahlen eingeführt, die die Investitionen in das sog. Humankapital, das ökologische Handeln, die Innovationskraft und die Fähigkeit zur Kollaboration eines Unternehmens bewerten. Ich bin kein Wissenschaftler, aber so ganz grob könnte das unter fairen Bedingungen einen gewissen Fortschritt repräsentieren. Nur – keine Partei, kein Wirtschaftsverband würde so etwas jemals mittragen. Diese Idee verletzt die immanenten Grundsätze von Wachstum und Abgrenzung.
Ähnliche Beispiele lassen sich auch für Glaubensgemeinschaften, Gewerkschaften, Börsen, wirtschaftliche Vereine etc. finden. Die Ablehnung wäre in jedem Fall gegeben, sofern der Vorschlag, einen oder beide Grundsätze verletzt.
Man sagt ja immer, das der Mensch dazu geschaffen ist, wie die gesamte Natur überhaupt, sich weiter zu entwickeln, vorwärts zu streben und das Wachstum quasi ein Teil davon wäre. Das mag durchaus richtig sein, nur bezieht sich das auf die Entwicklung eines Individuums und in der nächst größeren Einheit auf die Entwicklung der gesamten Spezies. Eine Entwicklung von Gruppen ist für die Natur gar kein spezielles Ziel. Das mag als Ausnahme für zwei Erdhörnchenrassen gelten, nachdem irgendwo ein Kontinent auseinander gebrochen war und die Bedingungen der Natur so verschieden waren, dass jeweils getrennte Entwicklungen sinnvoll waren, der globalen Weiterentwicklung der Menschheit dient das nicht.
Damit stehen wir theoretisch vor einer immensen Herausforderung: Die Macht der Gruppen zu brechen! Das würde die globale Etablierung einer funktionierenden Bürgergesellschaft bedeuten. Deren Gruppen müssten kleine, überschaubare Aufgaben leisten und sie dürften grundsätzlich nur so lange bestehen, bis das Gruppenziel erreicht ist. Daneben bestünde ihr zweites Kernmerkmal in der Zusammenarbeit mit Individuen und anderen Gruppen, also im genauen Gegenteil von Abgrenzung. Es ginge somit rein um praktische Arbeit; Weltanschauungen, Glaubensbekenntnisse und all die anderen, bislang in Gruppen organisieren Dinge würden quasi “reprivatisiert” und wären danach wieder die Angelegenheit eines jeden Einzelnen. Gruppen dazu dürfte es auch geben, allerdings nur in absoluter Bedeutungslosigkeit.
Mir ist klar, dass dieser Artikel eine reine Phantasterei ist, aber ein wenig träumen wird man ja noch dürfen… Andererseits habe ich die Befürchtung, dass das heute etablierte System erst durch eine gigantische Katastrophe aus dem Sattel gehoben wird und das täte mir leid. Die Menschen sind doch ganz o.k.; Gruppen sind es in der heute üblichen Erscheinungsform nicht.
Mit diesem Artikel hat die Süddeutsche in Person von Bernd Graff nach meinem Geschmack heute sauber danebengeschossen…
Zugegeben: das Netz ist in weiten Teilen eine Fundgrube des Wahnsinns; aber ist der Anteil bei den übrigen Medien denn etwa niedriger? Nur weil deren Macher strikt institutionalisiert sind und einen Presseausweis in der Tasche tragen? Ich glaube das nicht!
Mich freut es auch, wenn diese tollen, neuen Begriffe von den Prosumenten und der Schwarmintelligenz ein wenig durch den Kakao gezogen werden. Aber diese geistig verbalen Auswüchse repräsentieren nicht im Mindesten das Netz, seine Vielfalt, seine Möglichkeiten. Wenn der Autor gegen gesegnetes Halbwissen, absichtliche Verunglimpfungen und die X-Beliebigkeit der Inhalte wettert, dann tut er das aus einem einzigen Motiv. Aus Angst! Bei Gratis gegen Qualität – so sein Credo – ist natürlich Qualität zum Untergang verurteilt. An anderer Stelle lobt, er, dass mit Open Source Projekten wie Linux echte Werte geschaffen werden. Ja was denn nun? Microsoft lebt immer noch und das nicht schlecht, trotz der bösen Gratis-Software…
Was droht denn nun wirklich? Der Verlust eines warmen Redaktionsbüros womöglich, wenn in Zukunft die Arbeit dezentral organisiert wird. Vielleicht wird auch kein nächtlicher Bote mehr die stummen Verkäufer mit der neuen Zeitung bestücken, sondern die Postille wird als PDF File verkauft. Ja und? Wer hat behauptet, dass profunde Inhalte nicht gegen Bares im Netz zu versetzen sind? Vielleicht braucht es Zeit, Geduld, neue Strukturen und Ideen. Aber genau diese Fähigkeiten haben uns Menschen immer wieder vorangebracht. Bei der Zeit hapert’s arg, da müssten wir uns alle wieder mehr davon einräumen und den irrwitzigen Gedanken aufgeben, dass Globalisierung zwangsläufig fortgesetzte Beschleunigung heissen müsste.
Herr Graff hat einfach ein paar Klassiker bei seinen Überlegungen ausgeblendet. Bildung zum Beispiel. Wer bei fünfhunderttausend Google Treffern immer nur die ersten drei nimmt ist selber schuld. Wer intelligent oder lebenserfahren genug ist, der wird auch weitersehen. Das gilt für User generated Content, Foren und Chats genauso wie für manche Fernsehsendung oder eine grottige Kolumne in einem Käseblatt. Die Wahrheit über unsere Chancen liegt nämlich nicht – wie Graff wohl irrtümlich meint – in unseren Medien und auch nicht im Netz, sondern in unseren eigenen Bemühungen um Bildung, Recht, Freiheit etc. pp. Alles Werte, die weit älter sind als jede Zeitung der Welt. Und diese Bedingungen bleiben. Ob in der SZ 2007 oder im Web 5.0.
===
P.S.: Bei so einem Zeuch war es unumgänglich, dass ich mich aus der Reha melden musste
